Autor

Von den Fakten zur Fiktion

Beat Glogger über das Schreiben eines Science Thrillers

 Nach vierzehn Jahren Wissenschaftsjournalismus stellte sich das Gefühl ein, alles gemacht zu haben. Ein Gefühl, das gleichermassen befriedigt wie auch frustriert. Was sollte danach noch kommen? Es musste eine Grenze gesprengt werden. Die Grenze zwischen Fakten und Fiktion, die mich unheimlich fasziniert, seit ich ein Buch gelesen habe: Hot Zone von Richard Preston. Ein Thriller über die Geschichte der Krankheit Ebola, der auf Tatsachen basiert und packender ist als jede Fantasie. In seinem Zweitling (Cobra) beschreibt Preston die Attacke mit einem biologischen Kampfstoff so realistisch, dass US-Präsident Bill Clinton nach dessen Lektüre Geheimdienstexperten angewiesen hat, die Glaubwürdigkeit der geschilderten Sachverhalte zu prüfen. Die Realität als Grundlage aller Spannung.

Im selben Jahr wie Cobra erschien (1998) präsentierte TA-Swiss eine Technologiefolgen­abschätzungs-Studie zum Thema Xenotransplantation – die übertragung von tierischen Organen auf den Menschen. Nach der Tagung blieb mir nur eine Satz in Erinnerung. «Das Schlimmste, was ich mir vorstellen könnte, wäre, wenn endogene Retroviren aus dem Schweinegenom nach der Transplantation eines Organs in einen Menschen reaktiviert würden», hatte Karin Mölling vom Institut für Medizinische Mikrobiologie der Universität Zürich gesagt. Und bei Dürrenmatt las ich in den 21 Anmerkungen zu Die Physiker: Eine Geschichte ist dann zu Ende, wenn sie ihre schlimmstmögliche Wendung genommen hat. Also war das, was ich an der TA-Tagung gehört hatte eine Geschichte. Es musste sie nur jemand erzählen. Ich war infiziert vom Virus Xenotransplantation.

Es folgte die Recherche der Fakten - Arbeit, die ich  kannte. Aber dann stand ich an der Grenze, die es zu überschreiten galt. Und wieder kam mir Dürrenmatt zu Hilfe. Ich gehe nicht von einer These aus, sondern von einer Geschichte. Das war so einleuchtend und ich hatte die Fakten so präsent, dass mir der Hauptstrang der Handlung sozusagen im Schlaf zu fiel. Heute weiss ich nicht mehr, wie ich darauf gekommen bin. Aber dann stiess ich an die nächste Grenze: das Handwerk. Ohne zu wissen, wie man einen Roman schreibt, begann ich zu schreiben - und reichte erste Kapitel beim Verlag von Richard Preston ein. Zu meiner eigenen überraschung bestellte man mich nach München. Ohne dass ich abergläubisch wäre, erinnere ich mich, dass dies am Tag der totalen Sonnenfinsternis über Mitteleuropa war. Und ich erinnere mich an den einen Satz des Verlagslektors: «Der Plott überzeugt. Aber es fehlt die psychologische Notwendigkeit des Dialogs.»  Ich hatte als Journalist geschrieben und nicht als Autor, weil ich eine weitere Anmerkung Dürrenmatts nicht befolgt hatte: Träger einer dramatischen Handlung sind Menschen. Also nicht die Fakten. Erst jetzt begann die wirklich harte Arbeit. Die psychologische Notwendigkeit des Dialogs. Auch wenn die Fakten klar sind, um einen Text von A nach B zu bringen, sie sind keine plausible Geschichte. Oder anders gesagt: Wenn eine mexikanische Assistenzärztin in einem Londoner Krankenhaus die Diagnose eines altgedienten Kinderarztes anzweifelt, verhält sie sich dann so, wie ich es beschreibe? Muss ich, um das  Verhalten der ärztin plausibel zu machen, ihren Charakter, ihre Vergangenheit oder gar ihr Geschlecht ändern? Immer wieder kämpften der Journalist und der Autor in mir gegen einander. Kann ich die Geschichte von A nach B zwingen oder soll ich ihr den freien Lauf lassen?  Ich entschied mich für das Laufen-lassen, weil die Geschichte offenbar wusste, wo sie durch wollte, weil meine Figuren begannen, ein Eigenleben zu führen. Die schlimmstmögliche Wendung ist nicht voraussehbar. Sie tritt durch Zufall ein, sagt Dürrenmatt. Aber jeden Tag meldeten sich auch wieder Zweifel. So begann ich die Handlung auf dem Flipchart zu konstruieren. Oftmals aber war das, was ich in den Flussdiagrammen zeichnete, nicht der weitere Verlauf der Geschichte, sondern der Versuch, die Fiktion logisch einzuordnen, die Fantasie auf ihre Plausibilität  zu prüfen. Und in dem Moment, wo der Journalist mit all seinem Wissen, das glaubte, was der Autor sich erdachte, war es eine Geschichte.